Tag der Städtebauförderung Riesa

10. Mai 2025

Warten Sie nicht auf einen Großinvestor – Fangen Sie mit dem Naheliegenden an!

Mit dieser Devise endete die Sonderveranstaltung anlässlich des Tags der Städtebauförderung am 10. Mai 2025 auf dem MUSKATOR-Gelände unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Stadt Riesa und des sächsischen Landeskonservators, Alf Furkert. Konzipiert hatten diesen Tag das Stadtbauamt und das Innenstadtmanagement mit dem Ziel, die Komplexität der Stadtentwicklung und der gegewärtigen Transformation der Innenstädte am Beispiel des MUSKATOR-Geländes zu erläutern. Geladen wurden dazu zwei Referenten der Bauhaus-Universität Weimar. Fridtjof Florian Dossin beschäftigt sich mit Aspekten des industriellen Erbes am Beispiel des Getreidespeichers. Jannik Noeske dissertierte unter anderem über Modellstädte in der DDR im Kontext der Stadterneuerung, darunter auch Riesa. Beide sind zudem Mitglieder des Instituts für Graue Energie e. V. mit Sitz im thüringischen Oßmanstedt bei Weimar. Der Verein entwickelt und sammelt Startegien für ressoucenschonendes Erhalten und Wiedernutzen von Gebäuden im ländlichen Raum.

Vor diesem Hintergrund freue sich der Oberbürgermeister, Marco Müller, auf den Tag und auf den Austausch, sagte er in seiner Eröffnungsrede. Es gehe ja um die Frage: „Was machen mit einem leerstehenden Industriegelände mitten im Herzen der Stadt, dass dank der Initiative des Elbland Kunsthalle MUSKTOR e. V. Eine neue Perspektive erhält, aber es zweifelsohne weitere zig Millionen braucht, um das Industriedenkmal zu erhalten und zu nutzen.“ Hier seien alle gefragt, die mit Geld und Konzepten unterstützen können.  

Zum Auftakt gab Jannik Noeske einen geschichtlichen Überblick zur Entwicklung der Innenstadt  mit Fokus auf die Zeit nach 1945. Hier wurde offensichtlich, dass die Elbauen in Riesa im Zuge der Bahntrasse von Dresden nach Leipzig zum größten Teil als Wirtschaftsraum gesehen und genutzt wurden. Dabei stellte er auch heraus, dass Riesa ohne größere Kriegsschäden aus dem Zweiten Weltkrieg kam und somit zunächst über die wertvolle Ressource bestehender Bausubstanz verfügte. Stadtstrukturell veränderte Riesa sein Gesicht bereits ab den 1940er Jahren, als der industrielle Neuaufbau begann. Nach einer Phase Wachstums, auch auf bislang unbebauten Flächen auch zwischen den Stadtteilen Riesa, Weida und Gröba, fokussierte man sich in den 1960er Jahren auf „Innenentwicklung“. Dabei wurde Riesa gleich drei Mal zur Modellstadt, unter anderem für die Anwendung von EDV in der Stadterneuerung. Ein städtebaulicher Wettbewerb der 1960er Jahre kam, auch aufgrund sofort einsetzender Kritik, nur sehr eingeschränkt zur Umsetzung. Für das innerstädtische Neubaugebiet der 1970er wurde dennoch in begrenztem Umfang historische Bausubstanz abgerissen. Beindruckt waren die Teilnehmer vom umfänglichen Bild- und Kartenmaterial, das nicht nur unterschiedliche Visionen der Stadtentwickler zeigte, sondern auch Momentaufnahmen der jeweiligen Epochen von der Innenstadt. Hier wurde auch deutlich, dass ein historisch vielschichtiger Stadtkern mit dem Fortschritt und der Ideenwelt des modernen Städtebaus ab der Bahnhofstraße konfrontiert wurde. “Die Innenstadt blieb aber der Flaschenhals der Stadtentwicklung Riesas“, so Noeske. Insbesondere in Riesa zeigt sich, welche Langlebigkeit städtische Strukturen aufweisen können. Entscheidungen könnten sich nicht einfach über diese historische Entwicklung – mit all ihren Facetten – hinwegsetzen. Hier sei Sensibilität gefragt. Stadtentwicklung ließe sich nicht bloß aus der Gegenwart konzipieren. Besonders verwies Noeske dabei auf das Thema Abrisse. Dass Alt-Riesa zur DDR-Zeit nicht abgerissen wurde – obwohl das Quartier teilweise in einem schlechten Bauzustand war und im Sinne der damaligen Politik keine Zukunft hatte – stellte sich später als Glücksfall heraus. Daraus solle man lernen, Stadtentwicklung immer vom Bestand aus zu denken. Die Öffnung zur Elbe sei zudem als Idee historisch gewachsen, nun stehe Riesa vor der Möglichkeit, diese zum Wohle der Innenstadt auch umzusetzen.

Dieses Momentum zeigte auch sehr anschaulich der Vortrag von Dossin, der insbesondere die Apskete der Plan- und Zentralwirtschaft sowie der sozialistischen Agrarpolitik am Beispiel der Getreidemühlen an der Elbe erklärte. Aus einem familären Wettstreit zwischen Schwiegervater und Ehemann entstanden zum Ende des 19. Jahrhunderts gleich zwei Getreidemühlen an der Elbe in Riesa; die Schönherr-Mühle und die Hübler-Mühle, in deren Mitte sich in den 1960er Jahren die Siloanlagen hinzugesellten. Mit dem 74 Meter hohem Maschinenhaus sind die Silos zur markanten „Industriekathedrale“ geworden und seither das Markenzeichen von Riesa, welches ehemals der Trinitatiskirche des Architekten Jürgen Kröger vorbehalten war. Dank der Erklärungen zum Mühlenaufbau wurde klar, dass auch die historische Hübler-Mühle in den 1964er Jahren komplett umgebaut wurde und mehr oder weniger die Hülle und die Getreideschächte erhalten wurden. Für die großen Neubauten benötigte man zudem ein Heizhaus mit Öltanklager, welches mit einem hohen Schlot direkt zwischen Mühle und Innenstadt gestellt wurde. Auch im Vortrag von Dossin waren Bildmaterial von Getreidespeichern und Referenzprojekte ein spannendes Moment.

Im Anschluss an die Vorträge bildeten sich zwei Rundgänge zu den Themen Industriedenkmal Hübler-Mühle sowie Innerstädtische Stadtentwicklung. Beiden Vorträge war gemein, dass sehr anschaulich gezeigt werden konnte, welche Bauelemente und Gebäudeteile zu welchem Zweck gebaut und genutzt wurden. So entstand ein besseres bisweilen sogar neues Verständnis für den Ort, den aktuellen Momentzustand, aber auch das Potential des Raumes und seiner Räume. “Genau das war unsere Intension“, so Stadtbauamtleiterin, Ina Nicolai. “Wir bekommen sehr oft Schelte, für städtebauliche Entscheidungen, die nicht allen gefallen und niemals können.“ Denn Aspekte der Schönheit und der Praktikabilität seien zwar wichtig, aber eben nicht das ausschlaggebende Moment, so Nicolai. “Es gibt unzählige gesetzliche Auflagen und Bestimmungen, Vorgaben innerhalb der Bebauungspläne und Bewirtschaftung sowie historisch gewachsene Strukuren unter der Erde, also im Tiefbau, die eine Stadtentwicklung ganz wesentlich dominieren, ganz zu schweigen von den finanziellen Einschränkungen“ fasst die Stadtbauamtleiterin zusammen. Sie freue sich daher sehr, dass sich an einem Samstag freiwillig interessierte Bürger und auch Kenner zusammengefunden haben, um nicht nur zu meckern, sondern um Perspektiven auszutauschen und seit langem ein Grundverständnis für städitsches Handeln zu schaffen.

Der Lob des Landeskonservators und des Oberbürgermeisters, aber auch der Teilnehmer für die gelungene Veranstaltung blieben nicht aus. Für Alf Furkert, dem sächsischen Landeskonservator, scheint Riesa ein Herzenprojekt geworden zu sein, eben weil das ehemalige Muskator-Gelände an der Elbe so markant und beispielhaft für die Industriegeschichte und den Städtebau steht. Genau aus diesem Grund lohnt es sich aus Sicht des Innenstadtmanagements, innezuhalten, um zu verstehen, woher man komme, um eine Bild davon zu entwickeln, wohin man gemeinsam gehen könne. Denn die Innestadt gehöre irgendwie immer allen und die emotionale Bindung, auch derer, die hier nicht mehr wohnten, sei groß. Hier müsse viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Stadtentwicklung könne man nicht ohne ein Verständnis für die historischen Zusammenhänge, die Entstehungsgeschichte und die formlen Restriktionen betrachten. Gewiss sei das ein längerer und schwieriger Prozess, so Dietel, aber dieser Aufwand lohne sich, das habe zumindest ihre bisherige Arbeit in Riesa gezeigt.

Das Fazit des Tages kommt schließlich von Fridtjof Dossin, der sinngemäß in seinem Vortrag erklärte, dass man in Riesa nicht auf den großen Investor warten, sondern mit dem Bestand arbeiten solle. Warum müsse man gleich an eine vollendete Nutzung für die Siloanlagen warten, wenn man das Industriedenkmal in seiner aktuellen Form bereits ausstellen könne. Der Elbland Kunsthalle MUSKATOR e.V. und die Interventionen des Kunstfestivals ibug e. V. In 2024 seien hierfür wundervolle Beispiele. Der ibug e. V. wird in 2026 noch einmal nach Riesa kommen, und auf dem Gelände der WGR weitere aktuell nich nicht begehbare Bereich öffnen.

Text: Anja Dietl (Riesa). Titelbild: Deutsche Fotothek | Manfred Thonig: Speicherbauten am Elbkai, Riesa, 1969